Torsten Erdbrügger

Kurzvita

Torsten Erdbrügger, M.A., Studium der Komparatistik, Germanistik und Geschichtswissenschaft

in Bielefeld und Prag (Erasmus), Mitglied des Graduiertenzentrums Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Leipzig, Stipendiat der Landesgraduiertenförderung des Freistaates Sachsen 2009–2011, wissenschaftliche Hilfskraft am GWZO Leipzig (2013/14) und am Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung (2014), Arbeit an einer Promotion zu intellektuellen und poetologischen Differenzsetzungsstrategien in der Gegenwartsliteratur; z.Zt. Mitarbeiter am Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Leipzig (FraGes) mit einem von der Hans Böckler-Stiftung geförderten Forschungsprojekt zu Erzählungen zwischen Schöpfung und Erschöpfung. Kreative Arbeit in Literatur und Film des Postfordismus; Aufsätze und Forschungsinteressen im Bereich kulturwissenschaftlicher Paradigmen der Literaturwissenschaft, Literarisierung von Gender und Memoria, Erzählbarkeit von Arbeit und Krise. Zuletzt erschienen: Omnia vincit labor? Narrative der Arbeit – Arbeitskulturen in medialer Reflexion, hrsg. mit Ilse Nagelschmidt und Inga Probst, Berlin 2013; Leibesvisitationen. Der Körper als mediales Politikum in den (post)sozialistischen Kulturen und Literaturen, hrsg. mit Stephan Krause unter Mitarbeit von Gudrun Heidemann und Artur Pełka, Heidelberg 2014; Arbeit als Narration. Ein Werkstadtbericht, hrsg. mit Ilse Nagelschmidt und Inga Probst. Essen 2015.

 

 

Vortrag

„Genormt, bespaßt und verwaltet – eine Bürgerherde“. Juli Zehs Reanimation des universellen Intellektuellen und die Autorität der Gesellschaftskritik

Die Schriftstellerin Juli Zeh unternimmt mit kontinuierlichen politischen Stellungnahmen das Projekt einer Exhumierung des von Jean-François Lyotard im Namen der Postmoderne prominent zu Grabe getragenen Intellektuellen, genauer: der Sozialfigur des universellen Intellektuellen, den sie nicht nur mit medialer Dauerpräsenz, sondern auch mit ihren essayistischen Stellungnahmen zu verkörpern beansprucht. Zehs – zuletzt auf biopolitische Dressierung und Telekommunikationsüberwchung abstellende – kritische Haltung zieht angesichts einer ausdifferenzierten postmodernen ‚Gesellschaft der Singularitäten‘ (Andreas Reckwitz) ein bekanntes Legitimationsproblem nach sich: Auf welche Instanz kann sich Gesellschaftskritik berufen? Für wen kann sie sprechen? Wie lässt sich Gesellschaft (als Ganzes) überhaupt kritisieren und: wer hat die Autorität eine solche Kritik zu äußern? Diese Aporie der Kritik kann die Autorin, so meine These, weder auflösen noch macht sie diese zum Gegenstand ihrer Poetik.

Das Problem der Kritik findet sich am deutlichsten ausgeformt (bzw. umgangen)  in ihrer Essayistik, für die zynische Stimmen sie als „altkluge Angeberin und Schwallmadame“ 1 schmähen. Das Unternehmen der Gesellschaftskritik findet sich – erzählerisch wenig abgefedert oder eingebunden –in ihrem Prosatext Corpus Delicti. Als kritisches Projekt im Sinne einer Gesellschaftskritik wird auch der Gesellschafts- und Dorfroman Unterleuten (2016) bezeichnet. Aufgrund der differenten Gattungen in denen sich Zehs kritisches Engagement artikuliert, wird sich der Beitrag auf eine vergleichende Analyse der Themen, der Argumentationsmuster und der Legitimation der Kritik durch die (Erzähl-)Instanzen im Essay und im Roman Unterleuten konzentrieren und fragen, wie vielstimmig Unterleuten, dessen Erzählung auf mehrere perspektivtragende Figuren aufgeteilt ist, in seiner kritischen Haltung tatsächlich ist.

 

 

1 Gärtner, Stefan: Die Allerunausstehlichste. Ein unerledigter Fall in gebotener Kürze. In: Titanic, Mai 2006.