Lena Wetenkamp

Kurzvita

Dr. Lena Wetenkamp studierte Germanistik, Publizistik und Kulturanthropologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Universidade de Lisboa (Portugal). Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut der Universität Mainz. Im Februar 2017 wurde sie mit der Dissertation zum  Thema „Europa erzählt, verortet, erinnert. Europa-Diskurse in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ promoviert. Forschungsschwerpunkte sind neben dem Europa-Diskurs vor allem inter- und transmediale Fragestellungen, Gewaltdarstellungen in Literatur und Film, interkulturelle Literatur und Gegenwartsliteratur.

 

Letzte Veröffentlichungen

  • Europa erzählt, verortet, erinnert. Europa-Diskurse in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Würzburg: Könighausen und Neumann [erscheint 2017].
  • „Wer darstellt, übt aus.“ Gewalt in Terézia Moras Erzählungen. In: Dagmar von Hoff / Brigitte Jirku / Simonetta Sanna / António Sousa Ribeiro (Hg.): Einschnitte – Signaturen der Gewalt in textorientierten Medien. Würzburg: Könighausen und Neumann 2016, S. 93-112.
  • Das Radiomädchen – Immaterialität und Materialität der Medien in Juli Zehs Adler und Engel. In: Dagmar von Hoff (Hg.): Mediale Ambivalenzen / Ambivalente Medien. Frankfurt a. M.: Peter Lang, 2016, S. 101-116.

 

Dr. Lena Wetenkamp

Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Deutsches Institut

Jakob-Welder-Weg 18

55128 Mainz

Tel: (0049) 6131-28211

 

Mail: wetenkamp@uni-mainz.de

 

 

 

Vortrag

Heile Familie? Generationenromane als kritischer Beitrag zur Erinnerungsarbeit

Die These, dass sich die Literatur der unmittelbaren Gegenwart auf dem Rückzug in den sozialen Nahbereich befindet und kein Engagement mehr für übergreifende politische Themen zeigt, ist bei genauerer Betrachtung nicht haltbar. Vielmehr geben gerade die derzeit populären Familien- und Generationenromane Aufschluss über bisher in der Öffentlichkeit wenig beachtete gesellschaftlich virulente Fragen. Hierzu gehören auch die noch nicht abgeschlossene Verarbeitung von kriegsbedingten Trauma-Diskursen und die Vorstellung eines Gedächtnisses, wie es im Begriff der Postmemory zum Ausdruck kommt.

Bisher wenig erforscht ist, wie sich erlittene Traumata auf die Bewohner heutiger transkultureller Übergangsgebiete auswirken, in denen Erinnerungsdiskurse nicht mehr allein unter nationalen Perspektiven gedacht werden können. Wie Claus Leggewie betont, fällt das europäische Gedächtnis bislang in ein westliches und ein östliches auseinander (vgl. Leggewie, Claus: Der Kampf um die europäische Erinnerung. München: Beck 2011, S. 24).

Der Vortrag liest Ulrike Draesners Roman Sieben Sprünge vom Rand der Welt (2014) als exemplarisches Beispiel einer Literatur, die mit der Verwendung mehrperspektivischer Erzählverfahren den Blick auf unterschiedliches Erleben derselben Ereignisse eröffnet und damit das bisher geteilte europäische Gedächtnis erweitert und zusammenführt.

Draesners Roman zeigt im fiktionalen Bereich der Literatur die Auswirkungen der aus Vertreibung resultierenden Traumata nicht nur auf die Erlebnis- sondern auch auf die Folgegenerationen. Ihr Text kann damit als Teil einer neuen engagierten Literatur verstanden werden, die sich kritisch mit den vernachlässigten Narrativen der kulturellen Erinnerungsarbeit auseinandersetzt. Besonderes Augenmerk wird auch der transmedialen Weiterschreibung des Romans gewidmet, der Teil eines Projekts ist, das auf einer zugehörigen Website die Leser zum „Selbst-Erzählen“ auffordert. Durch die Einbeziehung der Lesererfahrungen wird ein öffentliches Aufarbeiten der Traumata ermöglicht. Literatur fungiert somit als Ausgangspunkt für gesellschaftspolitische Handlungen.