Johann Holzner

Kurzvita

1948 geb., Literaturwissenschaftler, Leiter des Forschungsinstituts Brenner-Archiv an der Universität Innsbruck 2001-2013. Lehrtätigkeit am Innsbrucker Institut für Germanistik (1973-2013), u.a. auch an den Universitäten Wrocław, Salzburg, Santa Barbara, St. Petersburg, Jyväskylä und Maribor. Forschungsprojekte und Publikationen v.a. zur Literatur- und Theatergeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts in Österreich, zur Sozialgeschichte des deutschsprachigen historischen Romans, zur Literatur im Exil und zur Literatur der Gegenwart. (Mit-)Herausgeber der Bücher: Literatur als Skandal. Fälle – Funktionen – Folgen. Göttingen 2007. – Zeitmesser. 100 Jahre „Brenner“. Hrsg. vom Forschungsinstitut Brenner-Archiv. Innsbruck 2010. – Franz Tumler. Beobachter – Parteigänger – Erzähler. Innsbruck 2010. – Changing Addresses. Contemporary Austrian Writing. Edited by Johann Holzner and Alois Hotschnig. New Orleans 2012. – Raum – Region – Kultur. Literaturgeschichtsschreibung im Kontext aktueller Diskurse. Innsbruck 2013. –  Walter Schlorhaufer: Glasfeder. Innsbruck 2016.

 

 

Vortrag

Die gefesselten Phantasien der Grenzgänger

In den letzten 25 Jahren sind nicht wenige Schriftsteller/innen, die auf einen Migrations-hintergrund verweisen können, besser gesagt: anhaltend auf ihren Migrationshintergrund verwiesen werden, ins Zentrum des deutschsprachigen Literaturbetriebs vorgerückt; sie gewinnen die bedeutendsten Literaturpreise, publizieren in großen Verlagshäusern und sind auf internationalen Literaturfestivals von Berlin oder Wien bis Leukerbad präsent: als Spezialisten, wo immer es um Themen geht wie Flucht, Fremdheit, Literatur und Politik. Sie brauchen und wollen indes längst keinen Ausländerbonus mehr … und auch nicht die Einengung auf die Thematik „Engagierte Literatur“, wenngleich ihre Werke unter diesem Gesichtspunkt ergiebig sind.

Alle Klassifizierungen, die in der Literaturkritik und in der Literaturwissenschaft noch immer herangezogen werden, sobald von Werken dieser Schriftsteller/innen die Rede ist (als wären solche Klassifizierungen nach wie vor nötig, deren Rezeption zu befördern), verschaffen ihnen der Intention nach ein Gütesiegel und stoßen sie damit doch nur entschieden zurück auf jenen Rand-Status, dem sie (scheinbar) längst entkommen sind.

Ausgangspunkt der hier vorgelegten Überlegungen ist ein Satz der vietnamesischen Filmemacherin Minh-ha Trinh: „the true home is to be found not in houses but in writing.“ Anmerkungen zu Autorinnen und Autoren, die sich dagegen wehren, nur unterm Blickpunkt ihres Engagements, z. B. der Codierung von Fremdheitserfahrungen betrachtet zu werden, schließen sich daran an: Bemerkungen u.a. zu Samar Yazbek. Julya Rabinowich, Zsuzsa Bánk, Catalin Dorian Florescu und zum Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012) von Olga Grjasnowa.