Joanna Bednarska-Kociołek


Kurzvita

Dr. Joanna Bednarska-Kociołek studierte Germanistik in Łódź, Passau sowie Berlin und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Germanistik an der Universität Łódź. 2016 wurde ihr Buch Danzig / Gdańsk als Erinnerungsort veröffentlicht.

 

 

Vortrag

 

Das böse Erbe und die Erinnerungspflicht? Martin Pollacks Topografie der Erinnerung.

 

Laut Kant ist moralisches Wissen, also das Wissen, was richtig und was falsch ist, allen Menschen gegeben. Moralisches Handeln folge aber diesem Wissen nicht immer, weil die menschliche Natur faul sei. Die Kriegserfahrung hat bewiesen, dass Kant sich nicht irrte. Die Täter fühlten sich des Öfteren als Herren der Umstände, die alles durften und  keinesfalls moralisch handelten. Die nachfolgenden Generationen sind gezwungen, mit diesem unbequemen Erbe umzugehen.

Martin Pollack ist der Sohn des SS-Sturmbannführers Gerhard Basts. Sein Erbe empfindet er als Last und richtet seinen Blick gegen das Vergessen. Er fühlt sich verantwortlich für alle Greueltaten, die sein Vater und andere Nazis begingen, und setzt sich mit der österreichischen Tätergeschichte auseinander, von der er traumatisiert worden ist. Pollack versucht die große Geschichte von unten, aus der Perspektive einzelner Erfahrungen zu betrachten, indem er auf die Geschichte seiner Familie eingeht. Der Journalist weiß, man kann schuldig durch Unterlassen sein. Das Unterlassen wäre in seinem Falle, seiner Meinung nach, mit Schweigen über das Schicksal seiner Familie gleichzusetzen. Der Essayist setzt sich in seinen Texten mit Nationalsozialismus als Sohn seines Vaters und zugleich sein Gegner bewusst auseinander.

In meinem Beitrag möchte ich fragen, wie man als Täternachfolger mit der Erinnerung umgehen kann. Wie wichtig sind dabei nationale Narrative, in die man eingebettet ist und in denen man aufgewachsen ist? Hat man als Sohn überhaupt das Recht, die Schuld des Vaters zu übernehmen? Die wichtigste Frage, die ich stelle, lautet: Wem gehört die Schuld?