Emmanuelle Terrones

Kurzvita

Emmanuelle Terrones, geb. 1976, Dozentin für neuere deutsche Literatur seit 2007 an der Universität Tours (F), promovierte 2004 mit einer Arbeit über den Rückgriff auf antike Mythologie in zeitgenössischen deutschsprachigen Romanen. Sie veröffentlichte mehrere Artikel zu Irmtraud Morgner und Stefan Schütz, übersetzte u.a. Paul Gurks Roman Berlin und einen Band mit Konferenzen des Schweizer Philosophen Adolf Portmann. Im Zentrum ihrer aktuellen Forschungsarbeiten stehen die DDR-Literatur und die deutschsprachige Literatur nach der Wende, darunter Navid Kermani, Maxim Biller, Terézia Mora.

Neulich erschien bei Peter Lang die Monographie « Récits mythiques — récits modernes, La mythologie antique dans le roman contemporain de langue allemande », im Sammelband La littérature allemande à l'épreuve de la géo-politique depuis 1945 der Artikel « Das heroische Testament de Irmtraud Morgner : un jeu utopique avec les mythes fondateurs » und in der Straßburger Zeitschrift Recherches germaniques « Kurzmitteilung de Navid Kermani : l’écriture du deuil. »

 

 

Vortrag

„Bis nach dem Krieg um sechs!“: Terézia Moras Alle Tage

Nur wenige deutschsprachige Schriftsteller haben sich bisher an das Thema des Jugoslawienkrieges herangewagt. In Terézia Moras erstem Roman Alle Tage (2004) ist der Krieg nie unmittelbar Gegenstand der Erzählung, er stellt aber auch keinen beiläufigen Hintergrund dar. „Man kann Gestapo, Balkankriege oder 9/11 nicht nebenbei erwähnen. Solche Wörter dominieren einen Text, er handelt von ihnen, egal worüber er sonst zu handeln mag“, behauptet die Schriftstellerin 2007 im Essay „Das Kreter-Spiel oder was fängt die Dichterin in ihrer Zeit mit dieser an“ und liefert damit den Ausgangspunkt für eine nähere Betrachtung.

Über den nie direkt genannten Jugoslawienkrieg wird im Roman aus der Ferne berichtet, er wird erwähnt, diskutiert, verschwiegen, oder er taucht in den Leerstellen wieder auf. Er bestimmt als entfernte und doch immer gegenwärtige Instanz die Identität, das Schicksal und den Alltag der Figuren, ja ihre ganze Existenz – namentlich die des Helden Abel Nema. Seitdem Abel vor der Einberufung aus seiner Heimat geflohen ist, gilt er als Deserteur, und weil sein Heimatstaat durch die Neuordnung nach dem Krieg zersplittert ist, wird er zum Staatenlosen. So individuell seine Geschichte auch sein mag, er bleibt einer unter Anderen und wird zum Inbegriff der Opfer dieser „hysterischen Zeiten“.

Dass Terézia Mora eine zugleich unpolitische und fahnenflüchtige, heimatlose und sprachkundige Figur hervorhebt, entspricht dem erzählerischen Anliegen, „sich nicht historisierend und nicht politisierend [zu geben]“, und doch Entscheidungen zu treffen und Stellung zu nehmen. Aufgezeigt werden soll, wie es Mora gelingt, das Engagement in Literatur und dabei die zwischen Engagement und Autonomie variierende Verantwortung des Schriftstellers neu zu definieren.