Anna Sawko von Massow

Kurzvita

Dr. Anna Sawko-von Massow (geb. 1970) studierte Germanistik in Wrocław, Jena, und Heidelberg. 2000 erfolgte die Promotion zum Thema „Breslau in der Flucht- und Vertreibungsliteratur nach 1945“. Sie arbeitete von 2003-2007 als Sprachdozentin u.a. im Internationalen Studienzentrum der Universität Heidelberg. Seit 2008 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie in Heidelberg tätig – zuerst als Mitarbeiterin im Lexikonprojekt: Fakten und Fiktionen. Werklexikon der deutschsprachigen Schlüsselliteratur 1900-2010. Hrsg. v. Gertrud Maria Rösch. Hiersemann Verlag, Stuttgart (2011, 2013), seit 2012 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Lehre und Forschung. Schwerpunkte der Arbeit sind: Literatur des 20. Jahrhunderts, Nachkriegsliteratur, Flucht- und Vertreibungsliteratur nach 1945, Wende 1989, DDR Literatur, Deutsche Kurzgeschichte im 20. Jahrhundert, Migrantenliteratur.

 

Letzte Publikationen

  • Irena Brežná: Die undankbare Fremde (2012). Integrieren bis zum Identitätsverlust. In: Flucht-Literatur. Texte für den Unterricht Bd. 2. Hrsg. v. Dieter Wrobel und Jana Mikota. Schneider Verlag, Hohengehren 2017, S. 165-171.
  • Gorki 1968 – literarhistorische Rekonstruktion eines Schriftstellertreffens im Zeichen des Kalten Krieges. In: Identität und Alterität. Hrsg. v. Joanna Flinik und Barbara Widawska. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2014, S. 43-57.
  • Das Schiff und die Atomkatastrophe in den ausgewählten Texten des 20. Jahrhunderts.
  • Das Ende der Idylle? In: Schiffbrüche und Idyllen Mensch, Natur und die vergängliche, fließende Welt (ukiyo‐e) in Ost und West. Hrsg. v. Hans-Günther Schwarz (u.a.). Iudicium Verlag, München 2014, S. 225-233.

 

Vortrag 

Am eigenen Leib – Günter Wallraffs Selbstversuche als literarisches Konzept? 

Der 1942 geborene Günter Wallraff gehört zu der Generation, die das Nachkriegsdeutschland in allen seinen kontroversen sozialen und politischen Debatten mit seinen unterschiedlich gestalteten Kommentaren begleitet haben. Seine besondere Herangehensweise an die Realität als Journalist und Schriftsteller macht ihn zu einem Außenseiter der Literaturszene und hat ihm das von ihm selbst verhasste Klischee „Enthüllungsjournalist“ verpasst, obwohl er seine Einstellung zur Literatur klar definieren konnte: 

Literatur, die sich nicht selbst genügt, will eingreifen in die Wirklichkeit, will verändern, ein Stück voranträumen. Literatur kann in diesem Sinne durchaus Schrittmacher-Funktion haben.“ 1

Sein ungebremster Drang nach schonungsloser Enthüllung der Wahrheit, seine Selbstversuche, die zu einem Markenzeichen geworden sind, haben seine Position in der Literaturwelt einerseits begründet andererseits in Frage gestellt. Das Spektrum, der von ihm behandelten Themen ist sehr breit und bezieht sich sowohl auf die innenpolitischen als auch auf die sozialen, religiösen und rassistisch begründeten Missstände. Ähnlich wie der 1920 geborene Amerikaner John Howard Griffin in seinem Buch „Black Like Me“ (1961) hat Günter Wallraff 2009 einen Versuch mit einer Fernsehreportage gestartet „Schwarz auf Weiß“, die zu einer kontroversen Diskussion zum Thema Rassismus geführt hat.

Inwieweit ist die schriftstellerische und journalistische Tätigkeit von Wallraff von gesellschaftlich-kritischer Bedeutung, lässt sich meist klar beantworten. Inwieweit verfolgt er ein literarisches Konzept ist dagegen nicht so einfach zu beurteilen? Da die Frage mit dem Wesen eines literarischen Textes zusammenhängt und die Kernfrage berührt: Was ist und was leistet Literatur? Inwieweit ist er ein engagierter Schriftsteller und ist seine Herangehensweise eine literarische? Die Auseinandersetzung mit ausgewählten Texten, Reportagen und seinen Aussagen kann für Aufklärung sorgen, um den Problem- oder Glücksfall „Wallraff“ zu beleuchten, sowie seine Position im Sinne der „Gruppe 61“ und im breiteren Sinne der sozialen Tradition im historischen Kontext von Nachkriegsdeutschland einzuordnen helfen. Hinter Wallraffs Selbstversuchen steckt (s)ein literarisches, radikales Konzept, der sich im Thema und im Zitat von Günter Grass wiederfindet.

 

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1 Wallraff, Günter: Mein Lesebuch. Frankfurt/Main 1984, S. 11.